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Äthiopien
Das Projekt

In Äthiopien überwintern Grau- und Jungfernkraniche. Die eleganten Schwarzen Kronenkraniche und die großen Klunkerkraniche sind Standvögel und brüten in diesem ostafrikanischen Land. Da über die Größe und Gefährdungen der Populationen wenig bekannt ist, startete bereits 2007 ein Projekt von Kranichschutz Deutschland (KD), der Bundesarbeitsgruppe (BAG) Afrika des NABU und der äthiopischen Naturschutzorganisation Ethiopian Wildlife and Natural History Society (EWNHS), um Kraniche in Äthiopien zu kartieren und ihre Bestandssituation sowie Gefährdungen darzustellen.

© Dr. Günter Nowald

Bei den ersten drei Expeditionen, in den Jahren 2007, 2009 und 2011, stellten drei bzw. vier Teams viele bis dahin nicht beschriebene Überwinterungsplätze des Graukranichs, aber auch Brut- und „Sammelplätze“ der afrikanischen Arten fest. Im Jahr 2013 kontrollierten zwei Teams vom 17.01. bis 28.01 die aus den vorangegangenen Expeditionen bekannten Überwinterungsplätze und suchten nach bisher „unbekannten“ Schlafgewässern. Mit Hilfe von GoogleEarth wurden geeignete Feuchtgebiete am Computer gesucht und später mit Hilfe eines GPS (Go to) im Freiland aufgesucht.

© Dr. Günter Nowald
Gewonnene Erkenntnisse

Im Jahr 2013 wurden insgesamt 67.150 Graukraniche, 1.771 Schwarze Kronenkraniche (1.074 in 2011) und 104 Klunkerkraniche (157 in 2011) erfasst. Die höchsten Dichten wurden bisher, mit Ausnahme des Jungfernkranichs, in den flachen Gewässern im Rift Valley und im Bereich des Tanasees festgestellt.

Dramatische strukturelle Veränderungen zeigten sich bereits während der Fahrt nach Debre Zeyt und in der näheren Umgebung. Entlang der Schnellstraße entstanden zahlreiche neue Handels- und Produktionsstätten ausländischer Investoren, aber auch Gewächshäuser, Hühnerfarmen und Erdbeerplantagen. Die Produkte gehen überwiegend in den Export. Infolgedessen hat sich der Schwerlastverkehr in den letzten sechs Jahren vervielfacht.

© Dr. Günter Nowald

Gravierende Einschnitte stellten wir am Feuchtgebiet Chelekleka Chefe, einem der bedeutendsten Kranichschlafplätze fest. Am 04.02.09 übernachteten in diesem Flachgewässer über 17.000 Graukraniche. Bei der morgendlichen Kontrolle am 30.01.11 schliefen hier nur noch knapp 250 Kraniche. Mitten durch das fast vollständig trocken gelegte Feuchtgebiet liefen die Arbeiten für eine neue Asphaltstraße nach Addis Abeba. So waren wir sehr überrascht, dass am 18.01.13 gegen 06:00 Uhr 12.000 Graukraniche bei vergleichsweise gutem Wasserstand anwesend waren. Die Freude währte allerdings nicht sehr lange. Bei der Nachkontrolle am 28.01.13 war das Wasser für den noch nicht vollendeten Straßenbau fast komplett abgepumpt. Nur noch 2.700 Kraniche fanden im Restgewässer einen Schlafplatz.

Gewächshäuser Ziway 03.01.2008

Auch die Errichtung riesiger Foliengewächshäuser in unmittelbarer Nachbarschaft von Feuchtgebieten, wie u.a. am Koka-Stausee aber vor allem am Lake Ziway, hat einen negativen Einfluss auf Kranichlebensräume. Hier wird für die Produktion von Schnittblumen das Wasser abgepumpt, was ein deutliches Absinken des Wasserstandes zur Folge hat. Die Blumen sind hauptsächlich für den israelischen und europäischen Markt bestimmt. Ähnliche Gewächshausanlagen gibt es auch an anderer Stelle, z.B. am Tanasee, zu finden.

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Die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich im Feuchtgebiet bei Akaki. Am 31.01.11 übernachteten neben 9.150 Graukranichen noch tausende Große und Kleine Flamingos, verschiedene Reiherarten und andere Wasservögel im Akaki-Flachsee. Bei der Nachkontrolle, 14 Tage später, am 14.02.11, war das Feuchtgebiet dann bereits fast komplett entwässert und die Kraniche hatten den Schlafplatz verlassen. Im Jahr 2013 war der Anblick noch trauriger. Nahezu das gesamte Gebiet wurde durch den Einsatz von modernen Traktoren intensiv landwirtschaftlich genutzt. Das Trockenlegen der wenigen Flachgewässer dient der „Landgewinnung“ für die stetig wachsende Agrarwirtschaft. Die Geschwindigkeit mit der Gebiete mit ehemals traditioneller und kleinbäuerlicher Struktur in artenarme Agrarräume umgewandelt werden, ist erschreckend.

© Dr. Günter Nowald

An den Schlafgewässern, die von infrastrukturellen Veränderungen bisher unberührt blieben, erfassten wir i. d. R. nur geringfügige Bestandsveränderungen. Allerdings mussten wir wiederholt feststellen, dass mobile Wasserpumpen für die Feldbewässerung zum Einsatz kamen, mit deren Hilfe der Wasserstand deutlich abgesenkt werden kann. Der Kranichschlafplatz Cheleklekka Ziway hatte beispielsweise einen deutlich niedrigeren Wasserstand als bei den vorangegangenen Zählungen. So wiesen wir am 20.01.13 noch 2.800 Graukraniche nach. Während der letzten Erfassung  am 03.02.11 konnten wir immerhin noch etwa 3.500 Kraniche zählen.

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Erfreulicherweise entdeckten wir am 02.02.11 südlich von Butajira das noch nicht beschriebene Feuchtgebiet „Chuche“. Neben 840 Graukranichen konnten hier auch 54 der stark gefährdeten Klunkerkraniche nachgewiesen werden. Nach Angaben des Status Survey and Conservation Crane Action Plan der IUCN „The Cranes“, C. D. Meine und G. W. Archibald, 1996, gibt es landesweit nur noch einige hundert Exemplare dieser großen afrikanischen Kranichart. Leider konnten wir am 26.01.13, trotz intensiver Suche, hier nur noch 22 Klunkerkraniche beobachten.

Nachkommen vom Schwarzen Kronenkranich und vom Klunkerkranich konnten wir nur sehr wenige nachweisen. Wesentliche Ursachen für den Verlust von Gelegen oder Jungvögeln sind starke Störungen durch die intensive Nutzung der Feuchtgebiete und dem damit einhergehenden Verlust von Wasserpflanzen, aber auch direkte Ausfälle durch spielende Kinder oder jagende Hunde.

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Am Tanasee konnte neben dem bekannten Ort an der Ostseite in Shesher ein neuer Schlafplatz im Norden, an der Mündung des Megech Flusses gefunden werden. Es handelt sich hierbei um ein schwer zugängliches Überschwemmungsgebiet mit weit ausgedehnten Flachwasserzonen, das eine große Bedeutung für Brut- und Rastvögel hat. Im Januar 2013 übernachteten hier etwa 12.000 Graukraniche.

Wie schon bei den anderen Gebieten beschrieben, so bereiten auch Beobachtungen am Tanasee  Grund zur Sorge. Zahlreiche Kraniche scheinen Anflugopfer an den neuen Hochspannungsleitungen zu werden, die hier im Zuge des Ausbaus der Energiegewinnung durch Wasserkraftwerke errichtet wurden.

© Dr. Günter Nowald

Uns wurde auch berichtet, dass chinesische Arbeiter zur Aufbesserung ihrer Ernährung Vögel fangen und Vogeleier oder erlegte Vögel, darunter auch Kraniche, von Äthiopiern ankaufen. Die Gefahr ist groß, dass hier ein neuer „Markt“ entsteht, der erhebliche negative Auswirkungen auf die Vogelwelt von Äthiopien haben könnte.

Erstmals wurde ein von einem  äthiopischen Bauern an einem Stock aufgehängter Kranich entdeckt, der offensichtlich zur Abschreckung anderer Kraniche dienen sollte. Dies ist möglicherweise eine Folge des zunehmenden Druckes auf die Bauern, die immer weniger Land zur Verfügung haben.

© Dr. Günter Nowald
Ausblick

Insbesondere in Bezug auf den Klunkerkranich wird sich die zunehmende großflächige Umnutzung von Feuchtgebieten, durch ausländische Investoren, bestandsbedrohend auswirken. Ausgehend davon werden die aus solchen Gebieten verdrängten Menschen einen vermehrten Druck auf die noch verbliebenen Feuchtgebiete ausüben.

Die Einbeziehung der Ergebnisse des Kranichmonitoring, in die Landplanung der äthiopischen Regierung, ist für eine Abwägung von wirtschaftlichen und ökologischen Belangen dringend geboten. Einige Kernaufenthaltsgebiete der Klunkerkraniche sind bekannt, so dass nun auf dieser fachlichen Basis, die Ausweisung von Schutzgebieten in den Schlüsselregionen gefordert wird.

© Dr. Günter Nowald

Beim Schwarzen Kronenkranich müssen die Wissenslücken zur Habitatnutzung im Jahresgang, insbesondere in Bezug auf die Jungvögel geklärt werden, um eindeutige Aussagen zu Schutzgebietsausweisungen leisten zu können.

Erfreulicherweise konnte im November 2013 ein Memorandum of Understanding zwischen Kranichschutz Deutschland (KD), der BAGAfrika des NABU und der Universität in Jimma unterzeichnet werden, um den Schutz der Kraniche in Äthiopien zu verbessern. Ein erster Schritt im Rahmen dieser Zusammenarbeit war die Einladung der Naturwissenschaftler Dessalegn Obsi Gemeda und Tariku Gutema im Juni/Juli 2014 nach Deutschland. Sie trainierten in einem von Kranichschutz Deutschland organisierten Workshop das Fangen, Beringen und Besendern von Kranichen.

© Dr. Günter Nowald

Die erworbenen Kenntnisse sollen auch in Äthiopien bei der individuellen Markierung von Kranichen zur Anwendung kommen. So sollen wichtige Daten zu den jahreszeitlichen Wanderungen und den speziellen Lebensraumansprüchen in den Brut-, Rast- und Überwinterungsgebieten des Schwarzen Kronenkranichs und des Klunkerkranichs erhoben werden. Die zu erwartenden Ergebnisse liefern wichtige Informationen für den Schutz der beiden bedrohten afrikanischen Kranicharten.

© Dr. Günter Nowald
Danksagung

Wir möchten Mengistu Wondafrash (EWNHS), Tariku Gutema (Universität Jimma), Yilma Dellelegn (EWNHS), Shimelis Aynalem (Universität Bahir Dar), Mihiret Ewnetu (Wildlife Department of MoARD), Chere Enawgaw (Wildlife Department of MoARD), Berihu Gebremedhin (IBC), Tewabe Ashenafi (EWNHS), Endale Wolde Tensai (EWNHS), Hassen Yussuf Kaariye (AL WABRA Dibatag Research Project), Friedrich Wilhelmi (NABU/Al WABRA Dibatag  Research Project), Itai Shanni (IOC, Israel), Carl-Albrecht von Treuenfels (CCG,  Germany, ICF), Hartwig Prange (CCG, Germany) für ihre Unterstützung bei der Planung und/oder der Feldarbeit herzlich danken. Vielen Dank auch an die Lufthansa Umweltförderung für das zusätzliche Engagement.

© Kranichschutz Deutschland 2017

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